Die Kosten der Mehrsprachigkeit

Wieso Mehrsprachigkeit sich nicht auszahlt
Über Jahrzehnte hinweg wurde uns gesagt, dass Mehrsprachigkeit ein Segen sei. Dass wir so viele Sprachen wie möglich lernen sollten, nach dem Grundsatz «je mehr, desto besser.» Tatsächlich kann Mehrsprachigkeit ein Kapital sein, weil sie Zugang zu Ressourcen und Gemeinschaften in mehr als einer Sprache eröffnet. Doch mit einem Blick auf die Forschung und die aktuelle wirtschaftliche Entwicklung wird klar, dass die Nachteile der Mehrsprachigkeit grösser sind als ihre Vorteile – mit einigen Ausnahmen, versteht sich.
Was bedeutet Mehrsprachigkeit? In der Sprachwissenschaft bezeichnet Mehrsprachigkeit die Fähigkeit, in drei oder mehr Sprachen zu kommunizieren. Andernfalls spricht man von Ein- oder Zweisprachigkeit. Früher war die dazu erwartete Sprachkompetenz muttersprachliches Niveau in den betreffenden Sprachen; diese Ansicht gilt heute als überholt. Heute bezieht sich Mehrsprachigkeit auf Sprecher, die mehr als zwei Sprachen fliessend sprechen.
Wozu sprechen wir überhaupt mehr als eine Sprache?
Die Gründe für Mehrsprachigkeit sind vielfältig. Als Kleinkinder erwerben wir die Sprache unserer Eltern oder Betreuer, weil Sprache unser wichtigstes Überlebenswerkzeug ist. Wenn Betreuer unterschiedliche Sprachen sprechen oder wir über unsere direkte Gemeinschaft hinaus kommunizieren, erlernen wir weitere Sprachen. Entsprechend haben Mehrsprachige Zugang zu Gemeinschaften und Informationen in mehr als einer Sprache, was ihnen ermöglicht, aus einer grösseren Auswahl an Möglichkeiten zu wählen. Darum gilt bewusst gewählte Mehrsprachigkeit heute als Investition. Tatsächlich sind gewisse Sprachkenntnisse, wie beispielsweise Englisch, in der Arbeitswelt heutzutage unverzichtbar.
Sprachenlernen ist jedoch auch immer mit einem erheblichen Aufwand verbunden. Das Erlernen einer Sprache ist darum eine Investition, die sich eines Tages – auf die eine oder andere Art – auszahlen sollte. Wenn Mehrsprachigkeit die Bildungs- und Karrierechancen erhöhen soll, dann stellt sich die Frage, ob die zusätzliche, dritte Sprache dies tatsächlich ermöglichen kann.
Mehrheitlich lautet die Antwort auf diese Frage: nein.
Mehrsprachige Arbeitsorte verwenden nicht unbedingt mehrere Sprachen
Die heutige Arbeitswelt bringt Sprecher vieler verschiedener Sprachen zusammen. Entgegen üblicher Annahmen bedeutet das meistens nicht, dass dies zu mehrsprachiger Teamarbeit führt. In den meisten Teams geschehen Übersetzungen und mehrsprachiges Denken in den Köpfen der Teammitglieder, während die Gespräche in der Arbeitssprache geführt werden.
Normalerweise ist es ausreichend, wenn man die lokale Sprache plus Englisch spricht. In Zürich ist beispielsweise Deutsch die lokale Sprache und oftmals Englisch die Geschäftssprache. Andere Sprachen werden in der Arbeitswelt weniger gebraucht und sind auf informelle Gespräche begrenzt.
In Wahrheit brauchen wir nicht mehrsprachig zu sein, um in einem mehrsprachigen Team zu arbeiten. Entgegen häufiger Annahmen hängen Wertesysteme ebenfalls nicht unbedingt von der Herkunftssprache oder -kultur ab, denn Wertesysteme werden in vielerlei Umgebungen erlernt, wie beispielsweise in der Schule, im Internet oder in Expat-Gemeinschaften. Sie sind stark von persönlichen Interessen geprägt. Darum sagt die Herkunftssprache meist wenig darüber aus, wie jemand denkt; die persönliche Einstellung hingegen schon.
Was wir brauchen, sind die Hauptsprache und meist Englisch sowie den Willen, Menschen aus anderen Kulturen mit einem anderen Wertesystem und einer anderen Art, die Welt zu beschreiben, zu verstehen.
Die Nachteile der Mehrsprachigkeit
Nicht nur sind die meisten Arbeitsorte nicht so mehrsprachig wie erwartet. Tatsächlich hat Mehrsprachigkeit wider Erwarten auch negative Seiten. Erstens ist die Investition hoch, denn eine Sprache zu erlernen verlangt Übung und Übung kostet Zeit, unabhängig vom Alter. Viele reisen um die Welt und geben erhebliche Summen für internationale Sprachschulen aus. Darum wurde Mehrsprachigkeit früher mit Wohlstand assoziiert.
Ich habe viele Menschen kennengelernt, die viel in ihre Sprachfähigkeiten investierten und für ihre Karrierechancen wenig daraus gewannen. Sie lernten Englisch, Spanisch, Französisch oder Chinesisch, auf der Arbeit brauchten sie allerdings nur Englisch. Die zusätzlichen Sprachen sind für sie letzten Endes wie ein Hobby, dem sie frönen und an dem sie persönlich wachsen können, aber ihrer Karriere hat es wenig gebracht. Denn die meisten Arbeitgeber interessiert Mehrsprachigkeit nicht.
Die meisten Jobprofile verlangen keine Mehrsprachigkeit. Arbeitgeber brauchen IT-Spezialisten, Event-Manager, Logistiker, Techniker, Reinigungspersonal, Produktmanager, Führungskräfte, Assistenten etc. Und – klar – brauchen sie auch deren kommunikative Fähigkeiten. Aber keine Mehrsprachigkeit.
Hinzu kommt, dass die meisten Mehrsprachigen nicht wirklich fähig sind, die erwartete Qualität in allen Sprachen zu liefern. Wenn sie dies in der lokalen Sprache und Englisch tun können, reicht das. Für alle weiteren Aufgaben kann generative KI oder – besser noch – ein Sprachspezialist eingesetzt werden.
Mit anderen Worten: wenn es das Jobprofil nicht ausdrücklich verlangt, nützt Mehrsprachigkeit der Karriere kaum etwas.
Selten wird zudem berücksichtigt, dass Mehrsprachigkeit auch kognitive Nachteile haben kann. Im Allgemeinen ist das menschliche Gehirn dafür geeignet, mehrere Sprachen zu erlernen; diese getrennt zu halten, ist jedoch schwierig. Diese «Fenster zur Welt» sind zwar eine individuelle Bereicherung, haben aber auch oft zur Folge, dass Mehrsprachige weniger präzise kommunizieren als Ein- oder Zweisprachige.
Das mehrsprachige Gehirn ist sehr flexibel und enthält so viel sprachliche Information, dass es schnell eine Botschaft missverstehen oder falsch kommunizieren kann, weil es etwas fehlinterpretiert oder verwechselt. Denn wir sind selten in allen Sprachen kompetent genug, um subtile Nuancen umgehend zu verstehen und richtig zu reagieren. Und bei der Arbeit ist es essentiell, einen klaren Kopf zu behalten, um Erschöpfung und Burnouts zu vermeiden.
Diese Schwierigkeiten können alle Aspekte menschlicher Kommunikation betreffen. Sie sind besonders häufig in interdisziplinären operativen Teams, die mit der IT zusammenarbeiten, denn dort werden viele Begriffe aus der lokalen Sprache durch englische ersetzt. In der Schweiz gibt es beispielsweise oft Verwirrung mit ähnlich klingenden Begriffen wie «SAP» und «sub» oder «Bild» und «build», und es sind oft die Mehrsprachigen, die nachhaken müssen, um sicher zu sein, während für die Einsprachigen alles klar war. Auch Gesten und Mimik können fehlinterpretiert werden. So habe ich beispielsweise wiederholt erlebt, dass falsch übersetzte Höflichkeitsformen zu Konflikten führten.
Kurz gesagt: Mehrsprachige können auf vielerlei Weise ins Fettnäpfchen treten oder auf zusätzliche Hürden stossen.
Darum gibt es entgegen dem allgemeinen Kanon, der die Mehrsprachigkeit als Segen sieht, auch Herausforderungen, die mit Mehrsprachigkeit einhergehen und Höchstleistungen erschweren können. Mehrsprachigkeit kann ermüden und uns fehleranfälliger machen, insbesondere dann, wenn wir unter Druck stehen.
Also tatsächlich kein Plädoyer für die Mehrsprachigkeit?
Nein.
Sie mögen jetzt denken «nun gut, Danae ist selber mehrsprachig und setzt ihre Mehrsprachigkeit bei der Arbeit ein, wieso spricht sie sich jetzt dagegen aus?» Ich spreche mich dagegen aus, weil ich berate, nicht vergleiche. Die meisten Jobprofile brauchen keine Mehrsprachigkeit.
Natürlich gibt es Berufe, in denen Mehrsprachigkeit notwendig ist. Ich bin ausgebildete Sprachwissenschaftlerin und war prädestiniert für vergleichende typologische Forschung. Und meine Tätigkeit als Kommunikations- und Organisationsberaterin entwickelte sich aus meiner Mehrsprachigkeit heraus. Dasselbe gilt für gewisse Berufe, wie diejenigen im internationalen Vertrieb oder in der Hotellerie. Dennoch setzen die meisten Berufe keine Mehrsprachigkeit voraus. Tatsächlich wird Mehrsprachigkeit von Bewerbern und Bildungsexperten oft überbewertet.
Was es wirklich braucht, ist Zweisprachigkeit mit Englisch und eine respektvolle Einstellung gegenüber Sprechern anderer Sprachen.
Wenn ich berate, dann tue ich das immer unter Berücksichtigung der spezifischen Bedingungen, wie des sozialen Umfelds, der Organisationskultur oder Position sowie der individuellen Voraussetzungen zum Erlernen der gewünschten Sprache.
Für eine Karriere in einem grösseren Unternehmen oder einem Unternehmen mit vielfältiger Belegschaft würde ich folgende konkreten Empfehlungen machen:
1. Fokus
Zwei Sprachen reichen, und eine davon sollte Englisch sein. Investieren Sie in diese beiden Sprachen, damit Sie darin so kompetent wie möglich werden. Das schliesst Gesprächsführung und schriftliche Kommunikation mit ein und gibt Ihnen Klarheit und Selbstvertrauen.
2. Eine Hauptsprache
Wenn Sie ein mehrsprachiges Team haben, definieren Sie eine Hauptsprache für Ihren Betrieb. Organisieren Sie in-house Sprachkurse, vermeiden Sie Gespräche in anderen Sprachen und stellen Sie sicher, dass die psychologische Sicherheit hoch ist.
3. Professionelle Unterstützung
Setzen Sie auf professionelle Hilfe. Lassen Sie die Maschine oder Spezialisten für Sie arbeiten. Generative KI erleichtert den Arbeitsaufwand bereits erheblich. Für wichtige Dokumente und Projekte sollten Sie in professionelle Übersetzer und Sprachexperten investieren.
Falls Sie sich trotzdem für das Erlernen einer weiteren Sprache entscheiden, dann geniessen Sie den Prozess und lernen Sie ohne Druck!
Über die Autorin
Danae Perez ist eine vielseitige Kommunikationsexpertin mit langjähriger Erfahrung in Forschung und Privatwirtschaft und einer ansteckenden Leidenschaft für Menschen und Sprachen. Sie ist promovierte Sprachwissenschaftlerin und hat ihre Forschung bei den renommiertesten Verlagen publiziert. Seit fast zwei Jahrzehnten bietet sie Beratungsdienstleistungen und Weiterbildungen für Kunden und hat in einer Vielzahl von Ländern, Kulturen und Sektoren gearbeitet. Sie hat die seltene Gabe, die Essenz einer Nachricht schnell zu erfassen, sie in die richtigen Worte zu fassen und auf Augenhöhe zu vermitteln.


